Honorarzonenbestimmung anhand der Bewertungskriterien der HOAI – Ein Variantenvergleich

von Dipl.-Ing. (Univ.) Alexander Fleming. FlemING. ConsultING.

Allgemeine Feststellung

Das Honorar eines Architekten oder eines Ingenieurs wird anhand unterschiedlicher Kriterien bestimmt. Der Honorarzone (§ 6 Abs. 1 (3) HOAI 2013) als einer der einflussreichsten Kenngrößen bei der Honorarberechnung kommt eine besondere Rolle zuteil.

Die Honorarordnung für Architekten und Ingenieure (HOAI) liefert zur Bestimmung der Honorarzone zwei unterschiedliche Werkzeuge (Objektlisten und die Bestimmung nach den Bewertungsmerkmalen); doch die Zuordnung eines Objektes in die richtige Honorarzone, die alle Ansprüche an die Planung und die Ausführung des Projektes widerspiegelt und berücksichtigt, erweist sich oft schwieriger als gedacht. Nicht selten stoßen dabei sogar erfahrene Bauherrn, Architekten und Ingenieure an Grenzen ihres honorarrechtlichen Wissens. Für einen privaten Bauherrn ist die Zuordnung meist ohne eines Sachverständigen fast unmöglich.

Novellierungen der Honorarordnung  

In den letzten 20 Jahren hat die Honorarordnung für Architekten und Ingenieure eine regelrechte Novellierungswelle erlebt. Insgesamt hat die Verordnung vier Aktualisierungen erfahren (1996, 2002 (Umstellung DM auf EU), 2009 und letztendlich die 7.  und aktuell gültige Novelle im Jahr 2013).

Die Änderungen der Verordnung (Fassung HOAI 2009 zu HOAI 2013) umfassten nicht nur die Aktualisierungen der Leistungsbilder im Hinblick auf die gestiegenen Anforderungen an die Kosten- und Terminsicherheit, sondern berücksichtigten auch viele weitere honorarrechtlichen Aspekte wie beispielhaft die „angemessene“ Berücksichtigung der mitzuverarbeitenden Bausubstanz in den anrechenbaren Kosten, Begrenzung des Umbauzuschlages, die Erhöhung der Tafelwerte u. v. m..

Die Struktur der Honorarzonenzuordnung und die Art und Weise für die Bestimmung dergleichen haben sich jedoch kaum bzw. teilweise gar nicht geändert. Eine Gegenüberstellung der Honorarzonenverteilungen kann der Tabelle 1 entnommen werden.

Erklärung des Bewertungsverfahrens am Beispiel der Planung von Gebäuden und Innenräumen 

Als gut bedient und sorgenfrei kann ein Bauherr oder ein Planer bezeichnet werden, der auf die in der Honorarordnung dargestellte Objektliste (beispielhaft für die Planungsleistungen der Gebäude und Innenräume – die Anlage 10 Nummer 10.2 und 10.3) zurückgreifen kann. Kann das Bauvorhaben einem der in der Liste aufgeführten Objekt zugeordnet werden, ergibt sich die zutreffende Honorarzone aus der Aussage der rechten Spalte.

Schwierig erweist sich die Zuordnung jedoch in den Fällen, bei denen die Auswahl aus mehreren Honorarzonen möglich wäre oder keine eindeutige Aussage über die Zuordnung bzw. Uneinigkeit bei der Wahl der richtigen Honorarzone besteht. In diesen Fällen muss auf das Berechnungsverfahren zurückgegriffen werden, welches nachfolgend erläutert wird.

Das Berechnungsverfahren (hier beispielhaft bezogen auf die Grundleistungen für Gebäude und Innenräume gem. § 35 HOAI 2013) stellt dem Anwender 6 unterschiedliche Kriterien – die sogenannten Bewertungsmerkmale (s. § 35 Abs. 2 HOAI 2013) – zur Verfügung. Jedes dieser Bewertungsmerkmale wird dabei einer punktuellen Gewichtung zugeordnet.

  1. Anforderungen an die Einbindung in die Umgebung (bis 6 Punkte)
  2. Anzahl der Funktionsbereiche (bis 9 Punkte)
  3. Gestalterische Anforderungen (bis 9 Punkte)
  4. Konstruktive Anforderungen (bis 6 Punkte)
  5. Technische Ausrüstung (bis 6 Punkte)
  6. Ausbau (bis 6 Punkte)

Im nächsten Schritt der Honorarzonenbestimmung muss der Anwender aus neutraler Sicht und im Hinblick auf die tatsächlichen Anforderungen des Bauvorhabens jedem einzelnen Bewertungsmerkmal die entsprechende und auf die Anforderungen an das Projekt individuelle Punktzahl zuordnen. Schlussendlich muss die Summe aus den vergebenen Punkten ermittelt werden.

Gem. § 35 Abs. 6 HOAI 2013 kann das bewertete Gebäude oder der Innenraum anhand des vorherigen Ergebnisses der zutreffenden Honorarzone zugeordnet werden. Auch hierfür gibt die Verordnung eine klare Struktur vor.

  1. Honorarzone I:  bis zu 10 Punkte
  2. Honorarzone II: 11 bis 18 Punkte
  3. Honorarzone III: 19 bis 26 Punkte
  4. Honorarzone IV: 27 bis 34 Punkte
  5. Honorarzone V: 35 bis 42 Punkte.

Bezug auf den Wortlaut der Verordnung

In der Fachliteratur gibt es bei der Betrachtung des tatsächlichen Wortlautes der Verordnung („bis 6 Punkte“ und „bis 9 Punkte“) unterschiedliche Auslegungsmeinungen. Die eine Seite vertritt die Ansicht, dass Bewertungspunkte in der Spanne 1 – 6 bzw. 1 – 9 vergeben werden können („Variante 1“). Anderer Ansicht sind die Vertreter des Standpunktes (und dazu gehört auch der Verfasser), dass auf die Spanne von 0 – 6 bzw. 0 – 9 zurückgegriffen werden kann („Variante 2“).

Eine klarstellende Rechtsprechung zu diesem Punkt ist bislang nicht bekannt und so sind in der Praxis beide Wege anzutreffen. Doch welcher Unterschied ergibt sich tatsächlich bei der Anwendung dieser Varianten? Dies möchten wir uns an einem bestimmten Beispiel genauer ansehen.

Variante 1 (Spanne zwischen 1 – 6 Punkten bzw. 1 – 9 Punkten)

Üblicherweise wird bei der rechnerischen Ermittlung der Honorarzone zunächst eine rechnerisch gleichmäßige Aufteilung der zur Verfügung stehenden Wertungspunkte auf die jeweiligen Schwierigkeitsgrade (HZ I = sehr gering, HZ II = gering, HZ III = durchschnittlich, HZ IV = hoch und HZ V = sehr hoch) erstellt. Die Punktverteilung muss dabei ausgewogen sein.

Für das Wertungsmerkmal (beispielhaft) „Ausbau“, das mit bis zu 6 Punkten bewertet werden kann, würde sich somit die nachfolgende rechnerisch gleichmäßige Aufteilung ergeben.

HZ I = Sehr gering = 1 – 1,43 P

HZ II = Gering = 1,57 – 2,57 P

HZ III = Durchschnittlich = 2,71 – 3,71 P

HZ IV = Hoch = 3,86 – 4,86 P

HZ V = Sehr hoch = 5 – 6 P

Eine übergreifende Darstellung der Punktverteilung kann der Tabelle 2 entnommen werden.

Folgt man somit dieser Aufteilung, dann wäre ein Bauvorhaben, das gar keine Anforderungen an ein bestimmtes Wertungsmerkmal aufweist, für dieses eine Wertungsmerkmal automatisch mit der möglichst niedrigsten Punktzahl zu bewerten. In einem solchem Fall wäre es 1 Punkt und nicht 0 Punkte, die eher zutreffend wären.

Dieser eine Punkt könnte aber in bestimmten Fällen ausschlaggebend dafür sein, ob ein Bauvorhaben einer niedrigeren oder einer höheren Honorarzone zugeordnet wird. Dies lässt sich besonders an der Punktverteilung gem. § 35 VI HOAI 2013 ausmachen, aus der ersichtlich wird, dass die Sprünge (HZ I zu HZ II, HZ II zu HZ III, HZ III zu HZ IV und HZ IV zu HZ V) genau einen Punkt betragen.

Somit ist es aus Sicht des Verfassers systematisch falsch, diese Punktverteilung (beginnend ab einem Punkt) der Honorarzonenbestimmung zugrunde zu legen. Außerdem weicht dieses Verfahren eindeutig vom Wortlaut und somit von der Vorgabe der Verordnung ab.

Geht man in einer solchen Fallkonstellation (das Fehlen der Anforderung an ein Wertungsmerkmal) aber noch einen anderen Weg – den Weg der Reduzierung bzw. des Ausschlusses bestimmter Wertungsmerkmale aus der Wertung – gelangt man an ein ganz anderes Ziel.

Bei fehlender Anforderung an ein Wertungsmerkmal wäre auch das Ausschließen dieses Wertungsmerkmales aus der Gesamtbetrachtung möglich. Auf diese Weise würde man keinen „zusätzlichen“ Punkt vergeben und sich somit dem Gedanken des Verordnungsgebers nähern. Schließt man eines der Wertungsmerkmale jedoch aus, dann verringert sich auch die maximal zu erreichende Gesamtpunktanzahl.

In diesem Punkt vertreten fast alle Kommentatoren der Fachliteratur die Meinung, dass auch die Punktspanne entsprechend der Reduzierung angepasst werden müsste.

Hat ein Projekt beispielsweise keine Anforderungen an „gestalterische Anforderungen“ (Wertungsmerkmal Nr. 3), dann wäre in diesem Fall die gesamt zu erreichbare Punktezahl um 9 Punkte zu reduzieren. Die maximal erreichbare Summe der Wertungspunkte würde dann nur noch 33 Punkte (42-9) betragen.

Die für die Bestimmung der Honorarzone maßgebende Punktzahl müsste somit ebenfalls umgerechnet werden. Dies erfolgt mit Hilfe eines Erhöhungsfaktors, der aus dem Quotienten der nach HOAI vorgegebenen Summe zur maximal möglichen Summe errechnet wird. Im vorliegenden Fall:

42 / 33 = 1,2727 (vergleiche auch das HOAI-Kommentar von Rudolf Jochem / Wolfgang Kaufhold 5. Auflage, Springer Verlag – Kommentar zum § 43 Rdn. 24.)

Beispiel

Wenden wir dieses Vorgehen an einem konkreten jedoch vereinfachten Beispiel an. Wir haben den Auftrag, ein bestimmtes Objekt der zutreffenden Honorarzone zuzuordnen. Es handelt sich dabei um den Neubau eines Parkhauses. Nach der Untersuchung der Anforderungen stellen wir fest, dass die Wertungsmerkmale 1 und 2 sowie 4 bis 6 durchschnittlich (jedoch im oberen Bereich) gewertet werden können. An die gestalterische Anforderungen werden jedoch von Seiten des Bauherrn explizit keine Ansprüche gestellt. Somit würde sich das nachfolgende Zwischenergebnis herausstellen:

  1. Anforderungen an die Einbindung in die Umgebung (3,71 Punkte)
  2. Anzahl der Funktionsbereiche (5,57 Punkte)
  3. Gestalterische Anforderungen (Wertungsmerkmal wird nicht betrachtet)
  4. Konstruktive Anforderungen (3,71 Punkte)
  5. Technische Ausrüstung (3,71 Punkte)
  6. Ausbau (3,71 Punkte)

Zusammengerechnet erhalten wir für die 5 anrechenbare Wertungsmerkmale somit  insgesamt 20,41 Punkte. Dem oben beschriebenen Vorgehen folgend müssen wir diese Summe nun mit dem Erhöhungsfaktor in Höhe von 1,2727 multiplizieren. Unser Endergebnis beträgt somit 25,98 Punkte (20,41 * 1,2727), gerundet 26 Punkte. Somit ordnen wir das  Objekt der Honorarzone III (oben) zu.

Variante 2 (Spanne zwischen 0 – 6 Punkten bzw. 0 – 9 Punkten)

Diese Variante sieht ebenfalls eine gleichmäßige rechnerische Punktverteilung über alle fünf Honorarzonen vor. Der Unterschied besteht jedoch darin, dass die Verteilung bereits bei 0 Punkten beginnt.

Einem fehlenden Wertungsmerkmal kann bei diesem Verfahren somit die niedrigste Punktzahl von „0“ zugeordnet werden. Dieses Vorgehen entspricht dem Wortlaut der Verordnung. Ferner müsste bei diesem Vorgehen nicht auf den umständlichen und für einen HOAI-Laien oft unüberschaubaren Reduzierungsweg der Wertungsmerkmale zurückgegriffen werden, der mit der Umrechnung der zu erreichenden Punktzahl verbunden ist.

Betrachtet an unserem Beispiel erkennen wir aber noch eine weitere, weitaus gravierende Folge der oben beschriebenen 1. Variante. Setzen wir bei unseren Betrachtung der Variante 2 nun die gleichen Randbedingungen voraus. Diese wären:

  • Wertungsmerkmale 1 und 2 sowie 4 bis 6 werden durchschnittlich (jedoch im oberen Bereich) bewertet
  • an die gestalterische Anforderungen werden explizit keine Ansprüche gestellt.

Dann ergibt sich die nachfolgende Punktverteilung:

  1. Anforderungen an die Einbindung in die Umgebung (3,71 Punkte)
  2. Anzahl der Funktionsbereiche (5,57 Punkte)
  3. Gestalterische Anforderungen (0 Punkte)
  4. Konstruktive Anforderungen (3,71 Punkte)
  5. Technische Ausrüstung (3,71 Punkte)
  6. Ausbau (3,71 Punkte)

Zusammengerechnet erhalten wir für alle 6 anrechenbaren Wertungsmerkmale somit 20,41 Punkte. Somit würden wir das Objekt zwar auch der Honorarzone III zuordnen, diesmal jedoch nicht mehr dem oberen, sondern dem unteren Bereich.

Resümee 

Man erkennt bei der Betrachtung der beiden oben beschriebenen Berechnungsmethoden, dass je nach Auslegung des Verordnungstextes ein unterschiedliches Endergebnis herauskommen kann.

Abhängig vom Einzelfall kann dies dazu führen, dass ein Objekt nicht nur einer höheren bzw. niedrigeren Stufe innerhalb der Honorarzone zugeordnet wird, sondern sogar den Sprung in eine höhere oder eine niedrigere Honorarzone schafft.

Gravierende Folgen kann ein solcher Fall insbesondere dann mit sich bringen, wenn sich zwei streitende Parteien (Bauherr / Architekt bzw. Ingenieur) u.a. über einen nicht schriftlich vereinbarten Umbauzuschlag uneinig sind. In einem solchen Fall würde der Sprung aus der Honorarzone II in die Honorarzone III nicht nur ein höheres Tabellenhonorar mit sich bringen, sondern auch die Vermutungsregel des § 6 Abs. 2 HOAI 2013 „aktivieren“, wonach ein Umbauzuschlag von 20 % bei einem durchschnittlichen Schwierigkeitsgrad (i. d. R. ab Honorarzone III) als unwiderruflich zu vermuten wäre. Der Absprung aus der Honorarzone III in die Honorarzone II würde folglich die umgekehrten Folgen mit sich führen.

In der praktischen Anwendung haben beide Varianten ihren Berechtigungsanspruch. Sowohl die Variante 1 als auch die Variante 2 haben ihre Verfechter und ihre Befürworter. Eine Klarheit in dieser Sache kann der Verordnungsgeber nur schaffen, wenn die Berechnungsmethode vereinheitlicht oder die beschriebenen Interpretationsspielräume beseitigt würden.

Tabelle 1

Tabelle 2

Tabelle 3

 

 

 

TAGS HOAI

HOAI, Architektenhonorar, Ingenieurhonorar, VOB, § 15 HOAI, Leistungsbild, Umbauzuschlag, mitzuverarbeitende Bausubstanz, Bauen im Bestand, Grundleistungen nach HOAI, Besondere Leistungen nach HOAI, Grundleistung, besondere Leistung, Nebenkosten nach § 14 HOAI, Anrechenbaren Kosten nach § 4 HOAI, Honorarzone nach § 5 HOAI, Berechnung des Honorars in besonderen Fällen nach § 8 HOAI, Auftrag für mehrere Objekte nach § 11 HOAI, Instandsetzungen  und Instandhaltungen nach § 12 HOAI

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